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Wie bei Muttern, nur ohne Muttern

Schule all inclusive
08.10.2013 um 23:29 Uhr
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An einem ganz normalen Wochentagmorgen klingelt Vincents Wecker dreiviertel sieben. Das reicht dicke hin. Vincent muss zwar schon eine Stunde später, d.h. pünktlich um 7:45 Uhr an seinem Arbeitsplatz sein, aber das lässt ihm trotzdem genügend Zeit, um eingehend Morgentoilette, den schnellen Blick auf die Nachrichtenlage und ein üppiges Frühstück zu realisieren. Das liegt vor allem daran, dass Vincent keinen Weg zur Arbeit hat. Überhaupt keinen – in Metern auf öffentlichen Gehwegen oder Straßen: null.
Ist Vincent etwa Heimarbeiter? Oder nächtigt er gar regelmäßig im Büro? – Weder noch. Vincent arbeitet auch nicht im eigentlichen Sinne. Stattdessen drückt er die Schulbank. Dabei hat Vincent bereits weit über 30 Lenze auf dem Buckel. Steht Vincent etwa im Guinness Buch der Rekorde für den emsigsten Sitzenbleiber aller Zeiten? Oder ist er einfach nur notorischer Dauerstudent? – Auch falsch.

Machen wir's kurz: Vincent ist für zwei Jahre Umschüler an einer Bildungseinrichtung für Erwachsene. Hier erlernt Vincent einen neuen Beruf. Und hier ergeht es ihm hervorragend, denn die Schule bietet ein Rund-um-sorglos-Programm der Extraklasse.

Vincent bewohnt ein kleines, modernes Appartment im angeschlossenen Internat. Bei dem Wort Internat fühlte er sich zuerst an seine alte Studentenbude erinnert und an das dazugehörige etwas schäbige Wohnheim. Bald durfte er aber feststellen, das die hiesige Einrichtung nichts mit seiner spontanen Assotiation gemein hat, sondern zuvorderst einem ordentlichen Hotelbetrieb gleicht, inklusive einer rund um die Uhr besetzten Rezeption. Die Unterbringung im selben Gebäudekomplex, in der sich auch die Schule befindet, erklärt den Wegfall von Vincents Schulweg: Fahrstuhl runter, Flur entlang, Fahrstuhl rauf. Manchmal trägt Vincent den ganzen Tag seine Hauspantoffeln, obwohl er weiß, dass er das eigentlich nicht tun sollte, damit es nicht zur schlechten Angewohnheit wird. In der Mittagspause kann Vincent, wenn es ihm beliebt, in seinem eigenen Bett ruhen.

Zuvor lässt sich Vincent allerdings das Mittagsmahl schmecken, das gleichsam dem Frühstück und Abendbrot in der hauseigenen Küche für ihn und seine Mitstreiter zubereitet wird. Er hat noch nicht viele Mahlzeiten verpasst, denn beinah alle Speisen schmecken ihm ausnehmend gut. Bei einer Auswahl von täglich drei verschiedenen Gerichten fällt es Vincent gelegentlich schwer, zwischen den Angeboten zu wählen. Vincent verbeugt sich innerlich immer vor dem Küchenchef. Besonders hat es Vincent die lokale Spezialität Mutzbraten angetan, die in seinen Augen den Gipfel der Schweinefleischzubereitung darstellt und zu seinem Lielbingsgericht avancierte.

Frühstück und Abendmahl lässt sich Vincent auch nur im absoluten Notfall entgehen. Am Morgen wartet die Kantine (ein bainah zu despektierlich klingender Begriff) mit einem typisch kontinentalen Frühstücksbuffet auf, dem es an Nichts fehlt und an dem Vincent sich nach Herzenslust laben darf. Opulent und heterogen. Und abends, das, findet Vincent, ist vollauf der Knaller, kann er zwischen verschiedenen warmen Speisen wählen: meist handelt es sich um Bestände vom Mittag – dass es sich hierbei um Reste handelt, ist Vincent noch nie in den Sinn gekommen. Für den wiedererwärmten Mutzbraten, halbtags in der Sauerkrautbeilage gereift, könnte Vincent morden.

Nach der abendlichen Verköstigung geht Vincent gerne auf sein Zimmer, liest ein Buch oder surft im Internet. Etwas, das man mit Fug und Recht als das Führen eines Haushalts bezeichnen könnte, ist für Vincent kaum notwendig: Vincent wird auch in dieser Hinsicht ausgiebig umsorgt. Das kleine Appartment wird einmal in der Woche von Fachpersonal gereinigt, die Handtücher durch frische ersetzt. Das Bett muss man tatsächlich noch eigenhändig mit der vom Haus gestellten Wäsche beziehen – unzumutbarer Zustand, witzelt Vincent gerne.

Im Keller des Internats gibt es eine Bowlingbahn, für einen Spotpreis mietbar. Wenn Vincent mehr Freude am Sporttreiben hätte, stünde es ihm frei, die angeschlossene Sporthalle, im Sommer den Beachvolleyballplatz oder (unglaublich) einen eigenen gut gepflegten Fussballplatz zu nutzen. Müßig, den Raum voller Fitnessgeräte oder die Tischtennisplatten zu erwähnen. Obgleich Vincent es nicht so mit dem Sport hat, findet er es 'gut zu wissen', dass die komplette Bandbreite an Möglichkeiten zur Verfügung stünde. Die Tischtenniskelle hat er ja tasächlich schon mal geschwungen.

Wie bei Muttern, nur ohne (nervige) Mutter, stellte Vincents guter Kumpel und Internatsmitbewohner einmal treffend fest. Vincent ist zwar kein Experte für gehobene Hotels, kann sich aber nur schwerlich vorstellen, was dort geboten werden könnte, das er hier vermissen muss. Mal abgesehen von der Präsentation einer Rechnung.

Denn Vincent bezahlt für all die Annehmlichkeiten keinen Cent aus eigener Tasche. Er bekommt die ganzen zwei Jahre Umschulung, inklusive der Unterbringung und der Verköstigung aus der Solidarkasse bezahlt. Naja, zuvor musste Vincent erkranken, was ihn bisher daran hinderte, einen erfolgreichen Berufsweg zu gehen, aber das hat Vincent, Gott sei es gedankt, gut überstanden. Nach ein paar Vorsprechen auf zuständigen Behörden, einigen leicht zu bewältigenden Eignungstests und der Versicherung des guten Willens und der vollen Absicht einen neuen Beruf zu erlernen, stand ihm die Tür zur Erwachsenen-Bildung offen. Und die ist an Vincents Einrichtung von überaus hohem Niveau – auch diesbezüglich kann sich Vincent überhaupt nicht beklagen.

Was manch anderer von seinen Mitschülern partout sich nicht verkneifen kann. Dann versteht Vincent die Welt nicht mehr!

Vincent hält nicht viel von Bevormundung – jeder sollte zu seinem eigenen, möglichst unvoreingenommenen Urteil über die Dinge gelangen – aber bei wiederkehrenden Klagen über die schlechten Zustände an seiner Schule, platzt Vincent dann doch der Toleranzkragen. Unter seinen deutschen Mitbürgern soll es ja durchaus Menschen geben, die über die belanglosesten Einzelheiten zu jammern in der Lage sind. Einigen dieser Exemplare musste Vincent auch hier begegnen – und die gehen ihm schon gehörig auf die Eier.

Beschwerden aller Art kriegt Vincent zu hören: stümperhafte Ausbildung, schlechtes Equipment, mieses Essen und grundsetzlich viel zu strenge Internatsregeln, dem liebsten Aufreger bestimmter Leute. Vincent könnte die Liste beliebig verlängern, was nichts ändern würde, denn kein einziger Vorwurf hätte hinlänglichen Wahrheitsgehalt. Das schönste, was Vincent zu Ohren kam, war, der Reinigungsservice in den Zimmern sei aufgrund zu stark eingeschränkter Privatsphäre inakzektabel. In einem Internat, kostenfrei und während der eigentlichen Schulzeiten – schon klar.

Wie negativ kann man seinem eigenem Leben gegenüber eingestellt sein? Es ist nicht vorrangig mehr Bescheidenheit oder gar Dankbarkeit die Vincent sich wünschen würde, sondern zuersteinmal eine positive Sicht auf die Dinge: Was für ein überbordender Komfort ist ihm hier gegeben! In was für eine gut funktionierende Gesellschaft wurden er hineingeboren, die eine solch leistungsfähige Solidargemeinschaft hervorbrachte – immerhin kostet die Umschulung mit samt allen Leistungen nach Vincents Schätzung irgendwas im mittleren fünfstelligen Eurobereich. Gelegentlich spannt Vincent den Bogen gedanklich noch weiter: Wir leben in einer Ära des fast 70 Jahre andauernden Friedens (etwas, dass es nie zuvor in der Weltgeschichte gab, vor allem nicht in Westeuropa), der zu einem beispiellosen Wohlstandsniveau in der gesamten Bevölkerungsbreite führte – und du unbedeutendes kleines Licht nörgelst über angeblich zu wenig Soße zum Braten ...
Im Übrigen erschweren sich diese ewigen Haderer das Leben selbst unnötig. Wenn Vincent in seiner Vita eine Beobachtung an seinen Mitmenschnen machen konnte, dann diese, dass es stets die selben Personen sind, die sich über die gegebenen Verhältnisse ungerechtigterweise beschweren, gleichzeitig aber selten etwas Konstruktives zu deren Veränderung beizutragen haben. Viele scheinen zu glauben, dass alle und jeder ausgerechnet ihnen ans Bein pinkeln wolle. Ihre Annahme basiert vermutlich auf einer immanenten Unfähigkeit des Gönnens und des Gutheißens. Und keiner dieser Meckerer führt nach Vincents Einschätzung ein zufriedenes oder gar glückliches Leben – wie auch, es fehlt einfach an besagter positiver Sicht auf die Dinge.

Am meisten aber ärgert es Vincent, dass derlei ungerechtfertigte Vorwürfe die Mühen und die gute Arbeit von engangierten Menschen verunglimpfen. Vincent lernte in seiner Zeit auf der Schule hochkompetente Ausbilder, äußerst nette, hilfsbereite Putzdamen und arbeitssames Küchenpersonal kennen. Allesamt nehmen ihre Tätigkeit und die Arbeit ihrer Kollegen sehr ernst und wissen offenkundig, dass ein Ganzes immer mehr ist als seine Teile.

Wer nun glaubt, Vincent sei nicht in der Lage einen angemessenen, urteilskräftigen Blick auf die Wirklichkeit zu entwickeln, liegt total falsch. Natürlich gibt es kritikwürdige Aspekte an Vincents Schülerdasein, das bleibt bei einem Lehrbetrieb für mehrere hundert Teilnehmer nicht aus. Vincent fiele da als erstes eine in mancher Hinsicht zu hohe Auslastung einiger Abteilungen ein: Manchmal sind die Lehrräume zum bersten gefüllt, ohne jedwede Reserverkapazität und hin und wieder reicht die Schlange zur Mittagszeit an der Kantine bis hinaus in die Eingangshalle. Diese Tendenz weiß sich Vincent auch zu erklären: Letztlich ist eine solche Einrichtung der Erwachsenenbildung ein sich selbst tragendes Wirtschaftsunternehmen, gleichwohl als gemeinnütziger Verein, dem es nicht gestattet ist, Gewinne einzufahren. Die Einnahmen rekrutieren sich aus Investitionen diverser sogenannter Kostenträger in die einzelnen Teilnehmer einer Umschulungsmaßnahme. Eine Orientierung hin zu einer vollen Auslastung des Lehr- und Internatbetriebs ist somit nachvollziehbar, zuweilen aber aufgrund einer zu marktwirtschaftlichen Denke zu weit gehend.
Insgesamt sind die Verhältnisse allerdings aber durchgehend im grünen Bereich. Vincent erinnert sich noch lebhaft daran, wie er sich zu Studienzeiten auf den Gängen der Hörsäle mit seinen Kommilitonen drängte, auf der Treppe hockend mit Lehrbuch auf dem Schoß – davon sind die Gegebenheiten hier meilenweit entfernt.

Ja, Vincent findet, ihm geht es hier ausnehmend gut und zum Glück gibt es einige Mitstreiter, die es ähnlich sehen. Unter ihnen stieß Vincent auf sehr interessante, kluge Menschen und teils auch auf neue gute Freunde.
Seine Zeit hier neigt sich leider dem Ende zu. Noch nie war ihm bereits im Vorfeld so klar, dass der Blick zurück ein von Wehmut geprägter sein wird.
Ingmar
Großartig!!
09.10.2013 um 14:35 Uhr
BTC
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