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Im offenen Vollzug

Mein Überleben in der Post-Prism-Ära
17.08.2013 um 23:16 Uhr
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Seit den Enthüllungen durch Star-Wisthleblower Edward Snowden ist einige Zeit vergangen. Die Skandalfanfare trötet nunmehr noch schwach vor sich hin. Die Politik reagiert hilflos / abwiegelnd / gehorsam / verlogen / ignorant – ich weiß nicht, wie ich es benennen soll; mir kommt es so vor, als sei von allem schlechten Politikerverhalten etwas im Beschwichtigungseintopf.
Indes wen wunderts – letztlich macht mir dieses gewohnte Verhalten der Volksvertreter wenig Kümmernis. Viel größere Sorge bereitet mir die Tatsache, dass mir mein Gefühl sagt: Die Reise hin zu einer Full-Take-Überwachungsgesellschaft ist mit Prism, Tempora & Co ohne Rückfahrticket gebucht. Das macht mir geradezu Angst. Und wir, als die Jungen einer Gesellschaft, nehmen es beinah klaglos hin. Oder passiert da etwas und ich vermag es nur nicht zu sehen? Irgendetwas, das vielleicht wie zu Beginn der Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung in Richtung Proteste oder gar politischer Bewegung geht?

Anscheinend nicht – so muss ich also für mich selbst die Konsequenzen aus den "neu gegebenen", hinlänglich gemutmaßten und leidlich befürchteten Verhältnissen ziehen. Ich frage mich, wie ich damit umgehen soll, dass jeder meiner Bewegungen im Netz, und das betrifft wohl weit über fünfzig Prozent meine gesamten Sozialaktivitäten (Internet, www, Telefon, Apps usw.), theoretisch im vollen Umfang überwacht und archiviert werden. Was also tun gegen die fortschreitende Erosion der Privatsphäre?
Meine Frage zielt in erster Linie auf die technischen Aspekte ab. Vermeidungsstrategien betreffs der Preisgabe irrelevanter sensibler Daten in nicht-privaten Räumen, sei es online oder offline, sind mir geläufig und werden von mir in einem gesunden Maße nach bestem Wissen und Gewissen praktiziert.

Unlängst erkundigte ich mich in dieser Angelegenheit bei Freunden beim Bier in der Kneipe. Der Geräuschpegel in dieser einschlägigen Lokalität meiner Heimatstadt war hoch genug, dass es einem potentiellen Belauscher übermenschliches Hörvermögen respektive elaborietes Abhörequipment abverlangt hätte – aber das nur am Rande. ^^ Obgleich wäre es wohl mit ausreichnd Schnüffel-Energie und Know-How letztlich gut möglich gewesen, der Unterhaltung von jenseits des Tisches zu folgen.
Dieses zugegebenermaßen etwas ungeschickte Beispiel verdeutlicht eines: Wenn Interesse und Aufwand hoch genug sind, bleibt keine Sphäre mehr absolut privat – dessen sollte sich jeder bewusst sein.

Die Gesichter meiner den Nerd- und IT-Kreisen nicht allzu fernen Trinkgenossen blieben ob der Insistenz meinerseits erschreckend ratlos. Zum Glück kam mir niemand mit dem weitverbreiteten Totschlagargument des "Nichts-Zu-Verbergen-Habens", das nicht nur schlechterdings falsch, sondern auch im Sinne einer Widerstandsbewegung gegen die "neuen" Zustände ungemein toxisch ist. (An dieser Stelle: Grüße an alle, die auf @_nothingtohide landen! ^^) Gleichwohl tendierte die Meinung bei den meisten am Tisch hin zu einem Standpunkt, der sich wohl als "Das ist den Aufwand nicht wert." zusammmenfassen lässt.
Wir diskutierten verschiedene Möglichkeiten zum Ergreifen technischer Maßnahmen, hinsichtlich des Verschlüsselns von Emails, des Verwendens von Apps mit eingebauter Krypto oder des Einsatzes alternativer Software. Ob das was bringt, wurde allerdings von allen Anwesenden bezweifelt. Die durch Edward Snowden (wp) geleakten Dokumente scheinen zu belegen, dass in weit verbreiteter Soft- und Hardware Hintetüren etabliert wurden, die den Zugriff auf Nutzer- und Metadaten insbesondere für US-amerikanische Nachrichtendienste sicher stellen sollen. Da sind Namen wie Microsoft, Google, Facebook und Apple genannt worden. Das heißt, dass unter Umständen der Einsatz von Krypto z.B. per PGP (wp) bei E-Mails völlig hinfällig wird, da bereits der vom System (z.B. Windows) erstellte private Schlüssel abgreifbar wird. Niemand weiß, ob dies tatsächlich gängige Praxis ist – natürlich wird von den aufgeführten Unternehmen in offiziellen Verlautbarungen bestritten, dass in ihren Produkten derlei Backdoors integriert sind – derweil kann man angesichts der Enthüllungen vom Maximalprinzip ausgehen: Was gemacht werden kann, wird gemacht.

Im Nachgang der Unterhaltung überkamen mich die tatsächlich Sorgen bereitenden Gedanken.
Mir fiel auf, dass mit dieser Art des elektronischen Datensammelns ein Problem verbunden ist, das nicht sofort ins Auge sticht: Die Gefährlichkeit eines Kompromats (wp) rührt unter anderem daher, dass nicht klar ist, ob und im welchem Maße ein solches besteht. Ich muss doch damit rechnen, dass ein mir Unbekannter eine Information über mich in Händen hält, die dazu geeignet ist, mir signifikant zu schaden. Ich weiß nicht, wer das ist (zu sagen: "Na, der US-Geheimdienst", ist zu unspezifisch) und was dieses Kompromat ausmacht. Ich kann nicht einfach zu irgend einer Behörde spazieren und Akteneinsicht fordern. Dieses Dokument ist obgleich mit Sicherheit vorhanden und die darin enthaltene bloßstellende Information ebenso, denn es existiert prinzipiell über jede Person ein solche Auskunft, und sei diese Person Mutter Teresa herself. Deswegen sticht jenes Nichts-Zu-Verbergen-Argument auch so gar nicht.

Es regt sich überhaupt kein spürbarer aktiver Widerstand. Liegt es daran, dass unser Kanzleramtsminister die Äffäre einfach für beendet erklärt hat und wir nun beruhigt nach Hause gehen dürfen, denn wir haben das ja schriftlich von den befreundeten Nachrichtendiensten. ^^ – Nicht zu fassen!
Ist es der schleichende Charakter der Unterwanderung der Persönlichkeitsrechte in Sachen Privatsphäre? Oder sind wir tatsächlich davon überzeugt, dass all diese Maßnahmen unserer eigene Sicherheit dienlich sind? – Moment, ich zähl dann mal die Terrorismus-Opfer der letzten zehn Jahre in unserem Land, hmmm ...? Und wieviele Tote gab es bei "normalen" Gewaltverbrechen im gleichen Zeitraum? Da fällt mir ein: In der Regel flüchten Mörder mit einem PKW vom Tatort – das heißt doch, wir sollten das Autofahren verbieten und alle Straßen zurückbauen, denn dann könnten Verbrecher nicht mehr flüchten und ... </Ironie>

Am Ende des Tages fühle ich mich ganz schön ohnmächtig und versuche mir mit Zynismus zu behelfen. Sicherheitstechnische Maßnahmen kranken an ihrer Inkompatibilität zu den Gegegbenheiten des sinnvollen alltäglichen Gebrauchs, sind oftmals viel zu kompliziert zu implementieren oder bleiben ob des offensichtlichen Ausmaßes der elektronischen Überwachung einfach wirkungslos. Ergo trage ich im Netz heute und fortan eine stets ortbare Fußfessel – die Umsetzung effektiver Gegenmaßnahmen bleibt aus Gründen prinzipieller und technischer Hemmnisse bisher aus: Ich befinde mich doppelt im Zustand des offenen Vollzugs.

p.s. Meine Dropbox ist jetzt dank EncFS verschlüsselt. Das wars dann. *Hmpf*
BTC
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