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Die unheimliche Audrey

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal
26.09.2013 um 20:11 Uhr
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Als Uncanny Valley (engl. "unheimliches Tal") wird ein unzweifelhaft messbarer Effekt bezeichnet, dessen Bedeutung sich nicht auf Anhieb erschließt. Der gut informierte Nerd weiß natürlich, was gemeint ist. Für alle anderen ein kurzer Abriss.
Auch wenn der Beitrag in der Wikipedia das Phänomen hinreichend beleuchtet – zumindest der englischsprachige (wp), der, wie nicht selten, deutlich ausführlicher ausfällt, als der deutsche (wp) – hier ein Beschreibungsversuch in eigenen Worten:

Im Jahre 2001 erschien Final Fantasy: Die Mächte in dir (wp) (engl. Final Fantasy: The Spirit Within), der als erster gänzlich computeranimierte Kinofilm mit lebensecht dargestellten Menschen gilt. Die aus Japan stammende namensgebende Videospielereihe Final Fantasy diente zwar als grobe Vorlage, jedoch besaß das Movie einen eigenständigen Plot ohne allzu strengen Bezug zum Spieleoriginal.FinalFantasy:TheSpiritWithin
Final Fantasy: The Spirit Within ©2001 Columbia Pictures, Sony Pictures H.E.
Der Film war aus technischer Sicht ziemlich bahnbrechend. Die Animation, vor allem von menschlichen Akteuren, deren Gestus und Bewegungen im Motion-Capturing-Verfahren (wp) erfasst wurden, erreichte ein nie dagewesenes Niveau. Auf die Darstellung von Details (Gesichter, Haare, Hände) wurde dabei besonderen Wert gelegt. Mit einem Budget von rund 130 Millionen Dollar das zur Verfügung stand, hält der Film seine technische Güte über mehr als anderthalb Stunden.doctorSid
Doctor Sid, Final Fantasy: The Spirit Within ©2001 Columbia Pictures, Sony Pictures H.E.
Allerdings floppte das Werk an den Kinokassen erheblich. Das mag zum einen an der lausigen Geschichte liegen, zum anderen an den stereotypen Charakteren der handelnden Personen – gewiss ist aber auch, dass derlei Merkmale einen Kinofilm, der mit solch hohem Aufwand produziert wird, zumeist nicht davon abhalten, kommerziell erfolgreich zu sein. Wie sonst ist die Beliebtheit cineastischer Abgründe wie Michael Bays Transformers-Reihe zu erklären. Nein, dem Film wurde etwas anderes zum Verhängnis, zumindest wird es ihm nachgesagt und er dient nicht selten als Paradebeispiel für das hier beschriebene Kuriosum. Er stürzte sozusagen in das Uncanny Valley.

Ich denke, dass sich das Phänomen des Uncanny Valley anhand von FF: Die Mächte in Dir sehr gut nachempfinden lässt.
Die Physiologie, die Gestik und die pysiognomischen Details der Figuren im Film muten sehr, sehr menschlich an. Andererseits sind sie immer noch eindeutig als computeranimiert zu erkennen. Auf eine seltsame Art und Weise wirkt diese Beinah-Kongruenz von Animation und dem tatsächlichen Agieren realer Schauspieler irritierend, spooky und teilweise gar abschreckend. Diese Erfahrung habe ich beim Schauen des Films selbst machen können und wurde mir von Freunden gleichermaßen bestätigt. Genau an dieser Stelle kommt der Effekt des Uncanny Valley zum tragen:

Empirisch ist nachzuweisen, dass die Akzeptanz künstlicher Figuren, seien es Robotor oder animierte Avatare, bei denen, die sich diesen Figuren konfrontiert sehen, mit steigender Menschenähnlichkeit stetig zunimmt – bis hin zu einem sehr hohem Grad an Gemeinsamkeiten zwischen künstlicher Erscheinug und realem Vorbild, bei dem die Billigung dramatisch abfällt. Ist die Gleichartigkeit erreicht, ein Roboter oder Avatar also nicht mehr von seinem menschlichen Muster zu unterscheiden, schnellt die Akzeptanz sprungartig wieder auf das vorangegangene und ein darüberhinausgehendes Niveau zurück. In einem zweidimensionalem Koordinatensystem (x-Achse: Anthromorphismus, y-Achse: Akzeptanz) schlägt sich dies als deutlich ausgeprägtes Tal im Verlauf einer Akzeptanzkurve nieder. Da das Phänomen durch Befragte oftmals mit den Worten 'unheimlich' oder 'verwirrend' beschrieben wurde, taufte man es das unheimliche Tal.uncannyValley
Ich behaupte also (und bin damit nicht allein), dass FF: Die Mächte in Dir als Kinoblockbuster an einem verstörenden Moment seiner technischen und design-technischen Güte scheiterte. Denn die Macher wollten ganz bewusst den mangahaften Stil der Videospielvorlage vermeiden und realistisch anmutende Figuren erschaffen.

Es gibt weitere Beispiele im Filmbereich für diesen interessanten Effekt. Polarexpress (imdb) und Beowulf (imdb) aus den Jahren 2004 bzw. 2007 sind zwei der prominetesten. Beide waren sie keine großen Kassenerfolge, trotz immens hoher Budgets, bekannter Schauspieler und renommierter Regisseure. Auch zu diesen beiden fällt mir nur eins ein: spooky.

Bemerkenswert ist auch, dass den großen Animations-Studios, Pixar oder Disney beispielsweise, das Pänomen des Uncanny Valley anscheinend sehr bewusst ist. Sie suchen negative Auswirkungen offensichtlich dadurch zu vermeiden, indem Menschen von vornherein nie realgetreu dargestellt werden – oder kennt jemand einen Animationsfilm der letzten Jahre, der dies tut? Alle Beispiele, die mir spontan einfallen, sind in einem ausgeprägtem Comicstil gehalten oder vermeiden das Vorkommen menschlicher Charaktere komplett, von Findet Nemo über WALL-E – Der Letzte räumt die Erde auf bis hin zu Oben.

Ich möchte mich hier auf das Kuriosum Uncanny Valley bei Computer-Avataren beschränken und nicht weiter auf Auswirkungen auf dem Gebiet der Robotik eingehen. Der Wikipediartikel bezieht sich im Absatz Ein praktisches Beispiel (wp) anschaulich auf eine unheimliche Erfahrung mit Robotern.

Das Phänomen ins Gedächnis zurückgerufen hat mir überhaupt erst die schöne Audrey Hepburn (wp), die in nachfolgendem Werbevideo ihren typischen Charme versprühen soll. Ich sage bewusst "soll", denn ich kann mir nicht helfen: Irgendwie empfinde ich einen kleinen Schauer bei ihrem computergenerierten Auftritt – wo ich die gute Audrey in Natura doch so absolut hinreißend finde.



Das zweite Video zeigt den computergenerierten Schauspieler Bruce Lee (wp). Gut möglich, dass in diesen Commercials obendrein etwas Befremdung aufkommt, da in ihnen jeweils ein so lebensechter Toter agiert. Allerdings fühlt sich der Auftritt Bruce Lees aufgrund der etwas untypischen und schalen Mimik für mich mindestens komisch an.



Daneben zeigt die Wiskeywerbung, wie ich finde eindrucksvoll, dass die Mittel zur Erschaffung CGI-gestützter Avatare natürlich nicht mehr nur jene von FF: Die Mächte in Dir von 2001 sind. Was dies für Implikationen im Hinbick auf den Uncanny-Valley-Effekt z.B. für die Videospielbranche mit sich bringt, wird die nahe Zukunft zeigen. Ich denke schon heute setzen einige Gamedesigner bewusst einen nicht-fotorealistischen, die technischen Gegebenheiten nicht in Gänze ausnutzenden Stil ein. Ob das immer etwas mit dem Uncanny Valley zu tun hat, oder viel mehr einem Modetrend folgt, sei dahin gestellt.
Ich wage allerdings zu behaupten, dass das Tal für die Gamer nicht so tief ist/sein wird. Als Computerspieler ist man diesbezüglich viel häufiger der Erfahrung einer etwas weird anmutenden Animation ausgesetzt, und sei es bisher den technischen Limitierungen der Hardware respektive einem ungenauen Design geschuldet. Ein gewisser Gewöhnungseffekt sollte dabei auf jeden Fall zum tragen kommen. Und so wandeln wir Zocker schon heute in finsterem Tal ...
matthias
kann es sein, dass der final fantasy film einfach nur grottenschlecht ist und deshalb so ein rohrtkrepierer war? das einzig sehenswerte an dem streifen ist der verlängerte rücken von aki, dem hauptcharakter. darauf hättest du mal eingehen können. ;)
mfg matthias
27.09.2013 um 10:39 Uhr
BTC
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