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Android: Netrunner

Konzern versus Hacker
08.03.2014 um 10:56 Uhr
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Meine Vorliebe für das Cyberpunk-Genre hat nun auch sein heiß verehrtes Kleinod im Bereich Brettspiele (eigentlich Sammelkartenspiele) gefunden: In Android: Netrunner versuchen Hacker einer dystopischen Zukunft der Datenbstände allmächtiger Corporations habhaft zu werden, indem sie sich an Firewalls vorbei, Zugang zu deren Serversystemen verschaffen, Datensätze manipulieren oder Aktiva der Konzerne korrumpieren.
Was mich an dieser Richtung der Science-Fiction so fasziniert, habe ich bereits versucht an anderer Stelle verständlich zu machen – jetzt hat sich meine Schwärmerei auf ein weiteres zeitraubendes, geekiges Medium übertragen: das Sammelkartenspiel.


Android: Netrunner ©2012 Fantasy Flight Games
Im Unterschied zum klassischen Sammelkartenspiel gibt es bei Android: Netrunner keine Veröffentlichungen in Form von sogenannten Booster-Packs, die mit zufällig sortierten Items bestückt sind, sodass man unter Umständen nur sehr schwer und kostenintensiv an bestimmte Karten herankommt. FFG (Fantasy Flight Games), nennt diese Form der regelmäßigen Publikation mit Gleichverteilung aller Kartenexemplare Living Card Game.
Der große Vorteil daran ist natürlich zum einen, dass trotz derzeit monatlicher Veröffentlichungen neuer Kartensets, das Sammeln mit überschaubarem Investitionsaufwand realisierbar bleibt, zum anderen allen Spielern prinzipiell die gleichen Möglichkeiten beim Deck-Building zur Verfügung stehen. In klassischen, erfolgreichen Collectible Card Games (wp) neigen ja gerne einzelne, seltene und/oder spielstarke Kartenexemplare dazu, auf dem Sammlermarkt exorbitante Preise aufzurufen – mehrere hundert Euro sind da gut möglich.


Android: Netrunner ©2012 Fantasy Flight Games
Android: Netrunner setzt das gewählte Setting in für mich sehr überzeugender Weise um. William Gibson hat es uns eindringlich vor Augen geführt: In einer zukünftigen Welt bringen Kommerzialisierung und Urbanisierung mit sich, dass die Kontrolle über eine pessimistisch eingestellten Allgemeinheit in den Händen allmächtiger Konzerne liegt. Das Primat der Politik ist vollständig gebrochen. Das Kapital der Gesellschaft liegt in dem Wissen um Hochtechnologie, was größtenteils von den Megaunternehmen kontrolliert wird – genauso wie die unüberschaubare Vernetzung der Computersysteme in allen Bereichen des Lebens. Nur illegalerweise und unter großem Risiko ist es dem talentierten Hacker möglich, an die kostbaren Informationen und Datensätze heranzukommen.



In dem wirklich gut gemachten Tutorial-Video von FFG kann man den assymetrischen Ansatz des Spiels nachvollziehen: Hacker, bei A:NR Runner genannt, stehen einem Megakonzern (Corporation) gegenüber und sehen sich mit verschiedenen Sicherheitssystemen konfrontiert, mit denen die Corp ihre wertvollen Daten (Agendas) zu schützen versucht. Die am häufigsten eingesetzte Cyber-Waffe des Konzerns ist das sogenannte Ice (Gibson lässt grüßen), dass wohl am bestem mit dem zu vergleichen ist, was wir heute eine Firewall nennen. Der Runner muss nun sein Equipment aus Hardware und Programmen dazu nutzen, die Agendas zu stehlen, die sich 'hinter' diesem Ice verbergen – der Cyberwar als Kartenspiel sozusagen.

Die Variation im Spiel ist hierbei enorm. Dem Runner kommt zwar der offensivere Part zu bzw. die Corporation ist grundsätzlich auf Verteidigung ausgelegt, allerdings bietet das Spiel auch zahlreiche Mechanismen, um von dieser Gegebenheit abzuweichen. Runner können zum Beispiel vom Corporation-Spieler aufgespürt (Tracing) werden, um ihnen damit Schaden zuzufügen. Die Strategie für den Runner-Spieler ist andererseits nicht nur auf das bloße Stehlen von Datensätzen beschränkt.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine starke Bluff-Komponente zum Tragen kommt: Eine immer wieder gern gefahrene Strategie der Corporation läuft darauf hinaus, dem Runner scheinbar lukrative Ziele zu präsentieren, die sich im Nachhinein als Falle entpuppen und von wichtigen Agendas ablenken oder dem Angreifer sogar direkt schwächen. Damit wird der Runner immer dazu gezwungen, das Risiko eines Runs (direkter Angriff auf die Server des Konzerns) genaustens abzuwägen.


Android: Netrunner ©2012 Fantasy Flight Games
Die bereits zahlreich erschienenen Erweiterungen, Kartensets, die von FFG Data Packs genannt werden, machhen es unwahrscheinlich, dass einem von Anfang an alle Karten zur Verfügung stehen. Zum Glück gibt es eine Lösung, das Spiel auch online mit allen Kartenexemplaren zu spielen. Das Finden von Gegenern wird zudem erleichtert. Mit OCTGN steht eine zwar lizenzrechtlich bedenkliche, aber immerhin doch weithin verbreitete und akzeptierte Möglichkeit zur Verfügung, Table-Top-Games, insbesondere solche, die das Auslegen von Karten erfordern, online zu spielen.
octgn
Android: Netrunner mit OCTGN
Einen vollsändigen Überblick über alle Karten des Spiels bietet NetrunnerDB, eine hervorragende Seite, um nach bestimmten Karten oder Sets zu suchen.
saintsrow
Es sollte vielleicht noch angemerkt werden, dass ANR von Richard Garfield ist. Seines Zeichens Spieledesigner und Mastermind hinter Magic: The Gathering, Star Wars und einigen anderen prominenten TCGs. Außerdem kommt von ihm das Netrunner-TCG aus den 90ern, das schon weitestgehend die Spielmechanik und das Szenario von ANR vorwegnahm.
09.03.2014 um 00:46 Uhr
phil
Ein wirklich guter Hinweis saintsrow, vielen Dank dafür. Ich war mal so frei und habe in deinem Kommentar verlinkt.
10.03.2014 um 10:03 Uhr
BTC
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